Eindrücke und Perspektiven

Dr. Helga Jung-Paarmann: Die Tagung in Novgorod ist ganz anders verlaufen, als ich erwartet hatte: Als Folge der politischen Spannungen zwischen Russland und Europa, der Sanktionen und Gegensanktionen und der Diffamierung westlicher NGOs in Russland als potentielle Spione hatte ich erwartet, dass man uns dort reserviert und verschlossen begegnen würde. Das Gegenteil trat ein. Uns wurde ein überwältigender Empfang bereitet und unsere Gastgeber haben sich so offensichtlich über unseren Besuch gefreut! Die Tagung war mit großem Aufwand und sorgfältig vorbereitet und ich glaube, dass sie ihr Ziel „Brücken erhalten, Brücken bauen“ erreicht hat. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in Russland ebenso wie bei uns eine Zivilgesellschaft gibt, die an gutnachbarschaftlichen Beziehungen unserer Länder interessiert ist und sich von politischen Differenzen nicht davon abbringen lassen will. Ich war zum ersten Mal in Novgorod und anschließend noch ein paar Tage in St. Petersburg. Mir ist vor allem aufgefallen, wie sehr die Architektur und das Straßenleben in diesen Städten dem ähnelt, was wir von hier gewohnt sind. In St. Petersburg wurde ich auf der Straße nicht als Ausländerin erkannt. Die Reise hat meine Zuversicht gestärkt, dass wir einer Entfremdung zwischen Russland und Westeuropa entgegenarbeiten können.

Prof. Dr. Walter Rohrer: Alte Brücken bewahren – neue Brücken bauen; ein Forumsmotto, das eine eindrückliche Perspektive zeichnet. Als Gast aus der Schweiz erlebte ich, wie die Teilnehmenden aus Deutschland und Russland sich ihrer Freundschaft versicherten und die gemeinsame Verpflichtung betonten, für den Frieden in Europa einzustehen. Die grosse Herzlichkeit, die Gastfreundschaft und der Gestaltungswille beeindruckten mich ausserordentlich. Seit einigen Jahren gewinnt in der Lehrerbildung die Frage an Bedeutung, welche professionsspezifischen Kompetenzen in besonderer Weise durch internationale Mobilität erworben werden können. Es zeigt sich nicht nur, dass die Notwendigkeit zur internationalen Verständigung in den Schulen selbst immer offensichtlicher wird, sondern dass Menschen von klein auf positive Erfahrungen solcher Verständigung machen müssen, damit sie sich weder Vorurteilen hingeben noch der medialen Stimmungsmache aufsitzen. Die Tage in Nowgorod haben mich in der Absicht bestärkt, internationale Begegnungen mit fachlichen Schwerpunkten auch ausserhalb der gängigen Programme für Studierende der Pädagogik anzubieten. Die ersten Gespräche mit den Kollegen in Nowgorod verliefen ermutigend. Es wäre ein grosser Gewinn, wenn darüber hinaus eine Freundschaft zwischen der Universität Weljiki-Nowgorod namens Jaroslaw der Weise und unserer Pädagogischen Hochschule der Nordwestschweiz entsteht, von der Studierende beider Hochschulen profitieren können.

Prof. Dr. Elke Hildebrandt: Tief berührt bin ich heimgefahren nach der Tagung zur Friedenspädagogik am Montag, 8. Juni, und dem Friedensforum von Dienstag bis Donnerstag, 9. – 11. Juni 2015. Weshalb?
–    Engagierte Menschen an der Universität Welikij Nowgorod und weitere haben diese beiden Anlässe hervorragend geplant und organisiert. DANKE!
–    Die Gastfreundschaft und Fröhlichkeit unserer russischen Gastgeberinnen und Gastgeber war trotz einer politisch angespannten Lage herzlich und zeigte, dass Menschen jenseits der grossen Politik fähig sind zu Freundschaft und Vertrauen. Reich wurden wir beschenkt mit Musik und anderen kulturellen und kulinarischen Besonderheiten und vor allem anregende Gespräche.
–    Partnerschaften auf verschiedenen Ebenen: zwischen den Städten Bielefeld und Nowgorod, zwischen beruflichen Schulen, zwischen Universitäten, zwischen Theatern, einfach zwischen Menschen. Genau das brauchen wir für eine Zukunft in Frieden.
–    Wie schön, dass für solche Partnerschaften neue Ideen und Motivationen entstanden sind!
–    Gemeinsames Erinnern an Zeiten, welche unsere Eltern und Grosseltern erlebt haben und für die wir nicht verantwortlich sind, die aber dennoch bis heute Ängste hervorbringen, gibt jeweils neu zu denken.
–    So war z.B. Irinas Geschichte (s.u. den Beitrag vom 9.6.) von grosser Bedeutung, weil sie gezeigt hat, dass Menschen TROTZ der grossen Politik und ihrer schrecklichen Folgen einander zeigen können, dass sie ein anderes Leben wollen und dies auch leben.
–    Die Geschichte hat mich daran erinnert, dass britische, deutsche und französische Soldaten Weihnachten 2014 aus ihren Schützengräben herausgekommen sind und gemeinsam das Christfest gefeiert haben – gegen alle bestehenden Befehle. Aber selbst in dieser in einem Weltkrieg einmaligen Situation blieb genug an Härte: Kälte, Dreck, Läuse usw. DAS kann doch keiner wollen, und die Soldaten damals haben gezeigt, dass sie das eigentlich nicht wollen; sie mussten aber weiterkämpfen. Es bleibt die Frage, weshalb sich die kleinen Leute nicht durchsetzen können, obwohl sie klar die Mehrheit bilden.
Ich frage mich aber auch: Was können wir tun, damit es erst gar nicht so weit kommt? Und: Warum bleiben so viele in ihrer Bequemlichkeit stehen statt sich für Frieden zu engagieren? Weshalb gehorchen Menschen eher furchtbaren und mörderischen Befehlen, wenn es zu ernsthaften Konflikten zwischen Staaten kommt, statt sich in einer Zeit des Nicht-Krieges für eine friedlichere Zukunft einzusetzen?
In den im Rahmen des Friedensforums vereinbarten Aktivitäten sehe ich genau das, was es vermehrt braucht, möglichst gemeinsam mit Menschen aus der Ukraine und weiteren Ländern.
Zudem mache ich gern aufmerksam auf eine allerdings sehr langsam beginnende Bewegung http://www.mondaypeacetime.org. Hier geht es um eine Art regelmässigen Flashmob rund um den Erdball, bei dem Menschen montags um 19 Uhr für 5 Minuten auf verschiedene Weise zeigen können, dass sie für eine friedliche Welt einstehen. Wenn das dort Vorgeschlagene überall auf welche Weise auch immer umgesetzt würde, würde sich IN Menschen etwas verändern und durch das Sichtbare ein politischer Druck entstehen, der nicht so einfach zu ignorieren wäre.

Dr. Felix Winter: Für mich war es auf dieser Reise wichtig zu sehen, dass die Menschen in Russland eigentlich nichts anderes wollen als die Menschen bei uns: In Frieden ihren Dingen nachgehen und ihr Leben gestalten. Ich finde es daher falsch, dass in unseren Medien Russland jetzt derart dämonisiert wird. Nach dem, was unsere Väter und Großväter dort im 2. Weltkrieg angerichtet haben, sehe ich uns verpflichtet, in besonderer Weise für Frieden und Entspannung mit Russland einzutreten. Die Erinnerung an den großen Krieg ist in Russland sehr wach und man fürchtet schlicht, wieder von Westen her angegriffen zu werden. (Ein Geschäftsmann, mit dem ich im Flugzeug sprach, fragte mich ernsthaft, ob ich dächte, dass die USA Russland angreifen könnten, so wie den Irak.) Die Sache sieht offenbar aus russischer Perspektive anders aus. Es ist aus meiner Sicht eine völlig falsche Politik, in dieser Situation jetzt Kontakte abzubrechen, aufzurüsten, neue Eingreiftruppen zusammenzustellen u. ä. m. Es kommt darauf an, mit Russland zu reden und vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen. Auch als Normalbürger kann man dazu beitragen, dass die Brücken nicht gekappt werden und z. B. nach Russland fahren und es kennenlernen.

Dr. Gerlinde Günther-Bömke: Als Teilnehmerin des Forums möchte ich mich noch einmal herzlich bedanken für die hervorragende Organisation seitens der Universität Nowgorod, für den interessanten Austausch mit den russischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und die Gastfreundschaft, die wir genießen durften. Ich hoffe, wir schaffen die weitere Kooperation mit der Universität und mit Personen des öffentlichen Lebens, und ich werde mich gerne für eine Gegeneinladung nach Bielefeld (oder Hildesheim?) einsetzen. Die Verständigung zwischen unseren Ländern und den Menschen ist oberstes Ziel – und wir haben bereits Brücken gebaut!

Dr. Horst Rühaak: Jetzt sind wir wieder zurück aus Nowgorod und St. Petersburg. Für mich war das Friedensforum ein voller Erfolg. Wir wurden wärmstens empfangen, hervorragend bewirtet und betreut. Durch Vorträge, in Arbeitsgruppen, in vielen Gesprächsrunden konnten meine Fragen einer Antwort näher gebracht werden, konnte ich meine Sicht der Gegebenheiten einbringen und bestätigt sehen (s. Beitrag 8.6.)

Hier noch ein Bericht des Friedenspädagogen Bernhard Nolz in der Zeitschrift PM

Bericht Nolz PM

Welikij Nowgorod touristisch

Welikij Nowgorod heißt zwar so viel wie Groß-Neustadt, das aber täuscht. Es ist eine der ältesten Städte Russlands, gewissermaßen sogar die Wiege der russischen Städte. Heute durften wir dieses historische Nowgorod besichtigen. Eine Stadt, die „gespickt“ ist mit Kirchen und Klöstern. Geführt von Galina besichtigen wir das Jurjew-Kloster am Ilmensee und den Kreml der Stadt mit dem Denkmal 1000 Jahre Russland und der Sophienkathedrale. Unsere Stadtführerin beeindruckt durch die Tiefe und den Detailreichtum ihres Wissens über die Geschichte der Stadt. Außerdem besuchen wir noch das Freilichtmuseum, in dem wir alte Haus- und Wohnformen kennenlernten.

Und am Abend steht schon die Verabschiedung der Tagungsgäste an. Wir feiern gemeinsam bei einem Abendessen, wobei das deutsche Lied im Mittelpunkt steht. Unsere russischen Gastgeber sind bestens vorbereitet und tragen etliche deutsche Lieder vor – zum Glück, denn uns gelingt das zwar auch , aber nur mit einigen wenigen Beiträgen. Zum Abschluss singen wir gemeinsam das Lied der Gruppe Karat „Über sieben Brücken musst du gehn“. Und Aleksander Shirin stellt zurecht fest. Eine Brücke haben wir schon stabilisiert und sind über sie gegangen. Weitere sechs müssen noch folgen. Aber wir sind zuversichtlich, neue Freundschaften sind entstanden, alte erneuert worden. Wir werden sehen, wie wir die Projekte hier und bei uns weitertreiben können.

Ein arbeitsreicher Tag

Ein arbeitsreicher und intensiver Tag. Eine Frage, die mir gestern sehr deutlich bewusst geworden war, wurde heute intensiv behandelt und teilweise auch beantwortet. Es ist die Frage, wie junge Menschen in Deutschland und Russland dafür gewonnen werden können, die jeweils andere Seite kennenzulernen und sich für die Völkerverständigung und den Frieden zu engagieren. Für sie trifft weniger zu, dass sie noch wissen, was der Krieg ihrer Großväter und Urgroßväter angerichtet hat und wie wertvoll die Überwindung des Kalten Krieges war. Eine erste Antwort gab es bei der Vorstellung des Buches, das in Zusammenarbeit der Universitäten Nowgorod und Hildesheim entstanden ist. Hier waren etliche Autorinnen anwesend, die über die Kooperation die jeweils andere Sprache sehr gut gelernt haben und auch universitäre Abschlüsse an den ausländischen Hochschulen erworben haben. Diese Kooperation schafft Freundschaften und trägt gute Früchte.

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(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Aber wie kann es weitergehen? Nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass in Russland an den Schulen inzwischen weniger Deutsch und viel mehr Englisch gelernt wird. Und in Deutschland hat die Russische Sprache in den Schulen auch an Einfluss verloren. Im Rahmen unserer Zukunftswerkstatt sind etliche Gruppen dieser Frage nachgegangen und haben Vorschläge sowie konkrete Projekte entwickelt. Ich war beeindruckt, wie offen und pragmatisch wir über die kulturellen Grenzen hinweg sprechen und zusammenarbeiten konnten.

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Und am Ende hatten wir den Eindruck, tatsächlich an neuen Brücken gearbeitet zu haben. Was wir symbolisch darstellen konnten.

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Aber der Tag hatte noch andere Facetten. Denn einige Teilnehmer des Friedensforums waren beim 1. stellv. Bürgermeister Anatolij Schilov eingeladen. Das waren Olaf Selonke (Referent für Internationales beim Oberbürgermeister der Stadt Bielefeld), Hans-Georg Fischer, Manfred Dümmer (beide Kuratorium Städtepartnerschaft Bielefeld – Welikij Nowgorod) und Katrin Müller (Berufskolleg). Mit zugegen waren Prof. Dr. Wladimir Timofejew (Vorsitzender der Stadt-Duma) und Olga Vasiljeva (Dezernentin für internationale Angelegenheiten und Tourismus der Stadtadministration Nowgorod). Das Treffen war informell, sehr herzlich und informativ. Es wurde von russischer Seite der Wunsch nach einem Ausbau der wirtschaftlichen und gleichzeitig auch der städtepartnerschaftlichen Beziehungen seitens der Stadtverwaltungen aber auch der zivilgesellschaftlichen Gruppen betont. Ausführlich wurde die anstehende 30-Jahr-Feier des Vertrages der Städtepartnerschaft Welikij Nowgorod – Bielefeld angesprochen. Die russische Stadt plant in 2017 eine Jubiläumswoche und würde ähnliche Aktivitäten in Bielefeld begrüßen. Die Städtepartnerschaft mit Bielefeld hat für Anatolij Schilov wie auch für Prof. Timofejew 1. Priorität. Es wurde die Hoffnung geäußert, dass trotz der derzeitig schwierigen politischen Rahmenbedingungen die Beziehungen verstärkt und weiter ausgebaut werden.

Besuch beim Bürgermeister

Am Abend dann werden wir in das Theater Maliki entführt, das vor kurzem gerade in Bielefeld gastierte. Dort habe ich es verpasst, hier kann ich es nun sehen. Der weite Weg hat sich  gelohnt: artistisch, mulitmedial, in einprägsamen Bildern führt man uns das Stück „SPAM“ vor.

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Die Konferenz ist eröffnet

(Von: Felix Winter) Der Empfang an der Universität ist eindrucksvoll und typisch Russisch. Wir laufen über einen frisch verlegten grünen Teppich und werden von jungen Frauen in traditionellen Trachten begrüßt, die uns frisch gebackenes, reich verziertes Brot und Salz anbieten. Ich bin beeindruckt von der Organisation. An alles ist gedacht, die Beiträge werden simultan übersetzt und im Design ist die Brückenmetapher sinnreich umgesetzt. Wir sehen sofort, wie wichtig dieses Anliegen auch für unsere russischen Gastgeber ist und wir fühlen uns willkommen (siehe die Fotos). Zu einzelnen Teilen der Veranstaltung folgen weitere Einträge.

Grußbotschaft Matthias Platzeck

Grußwort Platzeck Russisch

Grußbotschaft Kommitee Bi-Now

Bericht zu den Vorträgen

Ich will hier nur von dem berichten, was mich besonders beeindruckt hat. Am Nachmittag sitzen wir in kleinen Gruppen an Tischen und gehen folgenden Fragen nach: Welche Chancen sehen Sie heut für den Frieden in Europa – welche Rollen können hier Russland und Deutschland spielen? Was kann aus Ihrer Sicht insbesondere die Zivilgesellschaft tun, um den Frieden zu erhalten? Wie stellen Sie sich Friedenserziehung und Erziehung zur Toleranz in der gegenwärtigen Situation vor? Es entspinnt sich ein reger Austausch an unserem Tisch. Einer unserer russischen Gesprächspartner berichtet von seiner Sorge um die Schwächung der Zivilgesellschaft in seinem Land. Auch, weil die Mittelschicht – als deren Hauptträger – im Moment angesichts der wirtschaftlichen Krise schrumpft. Aber es gibt auch Einschüchterungen durch nationalistische Gruppen, die im Internet laufen, wenn sich ein shitstorm über Leute ergießt, die nüchterne und abwägende Haltungen vertreten. Wir denken darüber nach, ob und wie man damit umgehen kann. Wir sind uns einig darin, dass der Wissenschaft in diesem Zusammenhang eine wichtig Rolle zukommt, weil sie den Prinzipen der Vernunft und begründeten Argumentationen verpflichtet ist. Wir stimmen auch darin überein, dass es in der Erinnerungskultur an den 2. Weltkrieg wichtig ist, auch und gerade die Leiden der Zivilbevölkerung herauszustellen. Vor allem die jungen Menschen sollten vermittelt bekommen, dass Krieg wenig oder nichts mit Heroismus zu tun hat, sondern für alle Beteiligten schreckliche Folgen hat. Es ist für mich auch interessant zu sehen, dass praktisch alle Anwesenden Geschichten aus dem 2. Weltkrieg mit sich herumschleppen, die mit dem Handeln ihrer Väter und Großväter zu tun haben. Oder mit dem Leiden der Mütter und Großmütter und manchmal auch mit Hilfe, die den „Feinden“ geleistet wurde. Diese Geschichten verbinden uns heute und treiben uns an, uns gemeinsam entschieden für den Erhalt des Friedens einzusetzen. Die Geschichte von Irina und die von Felix

Warum ich zum Friedensforum Nowgorod gereist bin.

Zu dieser Frage sagen einige Teilnehmende hier kurz etwas:

(Von: Bernhard Nolz) Ich nehme teil, weil mir das Motto des Deutsch-Russischen Forums so gut gefällt: „Brücken bauen!“ Genau darauf kommt es jetzt an: Das Verbindende zwischen Russland und Deutschland zu pflegen und einen friedlichen und gleichberechtigten Austausch der Menschen und der Regierenden zu gewährleisten. Als Friedenspädagoge und Friedenspreisträger möchte ich damit insbesondere für junge Menschen ein Zeichen für Frieden und Gerechtigkeit setzen.

(Von: Manfred Dümmer): Es ist unbedingt erforderlich, dass bei den derzeitigen politischen Spannungen zwischen Russland und Deutschland/EU ein Zeichen für ein bürgerschaftliches Engagement zu setzen, dessen Ziel es v. a. ist, sich für den Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Die Arbeit des Kuratoriums Städtepartnerschaft Welikij Nowgorod – Bielefeld unterstütze ich seit seiner Gründung.

(Von: Wiebke Esdar) Warum bin ich dabei? – Mal nach Novgorod reisen wollte ich schon seit meiner Kindheit, seit ich von der Partnerstadt Bielefelds gehört hatte. Ich finde unseren Besuch hier spannend, gerade auch, weil in Russland politisch und kulturell vieles anders ist als bei uns. Gleichzeitig bietet die Konferenz an der Uni mir die Möglichkeit Gemeinsamkeiten mit unserem Hochschulsystem zu entdecken. Und, nicht zuletzt, haben sich die Ereignisse der internationalen Politik seit der Annexion der Krim so sehr überschlagen, dass wir zwar vermutlich hier in Novgorod die weltpolitischen Probleme nicht werden lösen können, aber zumindest können wir einen kleinen Schritt zur Völkerverständigung beitragen, einer der wichtigsten Grundlagen für dauerhaften Frieden.

(Von: Annika Naber) Wenn die staatliche Universität Nowgorod genannt Jaroslav-der-Weise  zu Zeiten politischer Spannungen in Europa, zu einem Forum einlädt, um zwischen Russland und Deutschland bestehende Brücken zu festigen und neue zu bauen, dann ist die Einladung für mich eine Ehre und die Teilnahme eine Selbstverständlichkeit. Ich möchte dieses Forum nutzen, um meine persönliche Brücke nach Welikij Nowgorod zu stärken, die bereits seit der Teilnahme am deutsch-russischen Doppelabschluss zwischen der Universität Hildesheim und der Universität Nowgorod besteht. Als ein Forumsergebnis wünsche ich mir, dass alle Teilnehmer_innen für sich mitnehmen, dass Brücken auf festverankerten Fundamenten basieren, die sämtliche Unwetter überdauern. Nach dem Forum wird es spannend: Wie bauen wir eine Brücke zu denen, die nicht dabei waren?

(Von: Gerlinde Günther-Bömke) „Warum fährst du nach Russland, Oma?“ fragte meine achtjährige Enkelin. Ich suchte nach einer kurzen verständlichen Antwort : „weil mir die Politik nicht gefällt, die unsere Politiker gegen Russland machen.“ Das war wohl nicht sehr klar, dachte ich, und fragte, „weißt du, was Politiker sind „? „Na klar“, war die unwillige Antwort , „aber warum fährst du nach Russland, Oma?“ Ich brauchte etwas Zeit für die Antwort, aber sie stellte das Kind zufrieden: „Wir wollen den Menschen sagen, dass wir Ihre Freunde sein möchten.“ Warum brauchte ich Zeit für eine Antwort, die mein Motiv für die Russlandreise einfach und klar ausdrückt? Weil es eingebettet ist in die komplexen internationalen Konflikte, die sich gerade nicht durch einfache Freund-Feind – Schemata beschreiben lassen, aber gleichwohl durch die Berichterstattung in den Medien als ein Kampf zwischen “ Guten und Bösen “ erscheint. Ich glaube nicht, dass Schuldzuschreibungen helfen Konflikte zu lösen, sondern das Gegenteil bewirken: Rechtfertigungen statt Reflektion auf der einen Seite, Verurteilungen statt Analyse auf der anderen Seite. Und sie haben noch weitere Konsequenzen. Sie konstruieren ein Feindbild, mit dem Menschen manipuliert werden können. Emotionen wie Unsicherheit und Berührungsangst entstehen, Einstellungen wie sich-abgrenzen-müssen, am Ende auch sich-verteidigen-müssen, können entstehen. Deshalb bin ich mit nach Nowgorod gefahren, aus Sorge, dass alle Mühen um Verständigung vergebens sind, wenn weiter die Definitionsmacht über die Ursachen der Konflikte zwischen Russland, der EU und den USA bei Medien und Politikern liegt, die nicht erkennen lassen, dass sie sich für Frieden und Verständigung einsetzen wollen. Und mit Wunsch, dies selbst in Russland zu versuchen.

(Von: Horst Rühaak) Die politische und gesellschaftliche Situation hat sich in den letzten Monaten beängstigend verändert, es geht nicht mehr um Entspannung, um Ausbau, Verbesserung der Beziehungen der Völker oder wenigstens der Regierungen, es geht um Abgrenzung, es geht um Einfluss, um Aneignung, um Abschreckung, sodass man sich fragen muss, ob man dem einfach nur hilflos ausgesetzt ist oder ob man irgendwas wenigstens für sich selbst tun kann. Ich fühle mich hilflos, besser einflusslos. Was passiert da? Wer dreht da was, warum, was soll das? Wer sind eigentlich die Kriegstreiber? Wo sind sie? Ich treffe sie nicht. Ich kann ihnen nicht sagen, wie unendlich dumm ich jede Alternative zum friedlichen Miteinander finde. Deshalb sollten sich die treffen, die so wie ich der Meinung sind, dass jeder gewaltsame, militärische Versuch einen Konflikt zu lösen, zum Scheitern verurteilt ist, den Konflikt nicht löst, in der Regel verschärft, die Gegebenheiten unerträglicher macht.      Darin bin ich unbelehrbar: Es gibt nur eine einzige Rechtfertigung für Gewaltanwendung: Selbstverteidigung. Jede andere Art von Gewaltanwendung, auch jede Drohung mit Gewalt muss absolut geächtet werden. In letzter Zeit hat das Wort vom „Russlandversteher“ viel von sich reden gemacht. Ich halte die Art und Weise, wie es verwendet wird, für absoluten Unfug. Russland ist schlicht ein Land, darüber hinaus das größte auf Erden überhaupt. Ein Land verstehen lernen, heißt die geologischen und geografischen Verhältnisse, seine Flora und Fauna zu studieren, bzw. zu erfahren. Das ist gut, da gibt es viel zu tun, das sollten möglichst viele tun. Es geht also eher um den (häufig synonym verwendeten) „Putinversteher“, womit nur gemeint sein kann, den russischen Präsidenten zu verstehen. Doch der ist uninteressant, der ist doch wohl kein Alleinherrscher, also muss gemeint sein, den russischen Präsidenten, die russische Regierung, die den russischen Staatsapparat bildende Menschengruppe, die russischen Machthaber zu verstehen, sich also in seine/ihre Lage versetzen, seine /ihre Handlungen verstehen zu können. Das allerdings finde ich sehr wichtig. Ich möchte gern verstehen, warum sich Putin, die russische Regierung, der russische Staatsapparat, die russischen Machthaber so etwas wie die Krim ans Bein binden. Haben sie was davon, was? Ich möchte gern verstehen, was da in der Ukraine abgeht. Es ist nicht der Westen, nicht Russland, auch nicht die Ukraine, deren Interessen aufeinanderprallen, es ist eine relativ kleine Clique von mächtigen Individuen in den USA, in der EU, in Russland und natürlich auch in der Ukraine, die irgendwelche Spielchen spielen, sich etwas aneignen, etwas auf den Markt werfen, etwas sich nicht gefallen lassen wollen, erfolgreich sein, bewundert werden wollen. Mit den Amerikanern, den Europäern, den Russen und den Ukrainern hat das, glaube ich, wenig zu tun.

Angekommen!

Am Flughafen in St. Petersburg stehen im Ankunftsbereich einige Leute mit einem Schild „Forum Nowgorod“ – man erwartet uns. Nach und nach trudeln die Teilnehmerinnen aus Deutschland ein (nein, sie kommen im Gleitflug). Aus Düsseldorf, aus Berlin, aus Frankfurt. Einige auch aus der großen Stadt – sie sind schon in den Tagen zuvor angereist. Tatjana, Diana und Dimitrij geleiten uns zu einem sehr großen Bus, der auch für fünfmal so viele Gäste gereicht hätte und dann geht es los Richtung Welikij Nowgorod. Zuerst durch die Stadt Puschkin, die viel Grün hat und aufgelockert gebaut ist – augenscheinlich ein angenehmer Ort. Dann weiter auf endlos geraden Überlandstraßen. Hier beginnen lebhafte Diskussionen über Deutschland und Russland und was nun zu tun sei. Im Hotel kommen wir rechtschaffen müde an. Nach einer hochnotwendigen kleinen Ruhepause treffen wir die russischen Gastgeberinnen und Gastgeber beim Abendessen. Prof. Pewsner begrüßt uns herzlich und wir haben Gelegenheit uns kennenzulernen. Morgen fängt das Programm an. 

Manchmal spannend

Es ist schon manchmal spannend, ob die Visa für die Russlandreise rechtzeitig kommen. Wiebke und Daniel z. B. hatten sie vorgestern noch nicht, obwohl ihre Reise schon gestern losging. Aber es hat dann doch noch alles geklappt. Herr Belau vom Reisbüro Avorio in Bielefeld hat sich bis zuletzt engagiert. Die Beiden sind nun die ersten der deutschen Reisegruppe, die anderen brechen am Montag auf. Ab dann werden wir hier auch mehr berichten.