Dr. Helga Jung-Paarmann: Die Tagung in Novgorod ist ganz anders verlaufen, als ich erwartet hatte: Als Folge der politischen Spannungen zwischen Russland und Europa, der Sanktionen und Gegensanktionen und der Diffamierung westlicher NGOs in Russland als potentielle Spione hatte ich erwartet, dass man uns dort reserviert und verschlossen begegnen würde. Das Gegenteil trat ein. Uns wurde ein überwältigender Empfang bereitet und unsere Gastgeber haben sich so offensichtlich über unseren Besuch gefreut! Die Tagung war mit großem Aufwand und sorgfältig vorbereitet und ich glaube, dass sie ihr Ziel „Brücken erhalten, Brücken bauen“ erreicht hat. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in Russland ebenso wie bei uns eine Zivilgesellschaft gibt, die an gutnachbarschaftlichen Beziehungen unserer Länder interessiert ist und sich von politischen Differenzen nicht davon abbringen lassen will. Ich war zum ersten Mal in Novgorod und anschließend noch ein paar Tage in St. Petersburg. Mir ist vor allem aufgefallen, wie sehr die Architektur und das Straßenleben in diesen Städten dem ähnelt, was wir von hier gewohnt sind. In St. Petersburg wurde ich auf der Straße nicht als Ausländerin erkannt. Die Reise hat meine Zuversicht gestärkt, dass wir einer Entfremdung zwischen Russland und Westeuropa entgegenarbeiten können.

Prof. Dr. Walter Rohrer: Alte Brücken bewahren – neue Brücken bauen; ein Forumsmotto, das eine eindrückliche Perspektive zeichnet. Als Gast aus der Schweiz erlebte ich, wie die Teilnehmenden aus Deutschland und Russland sich ihrer Freundschaft versicherten und die gemeinsame Verpflichtung betonten, für den Frieden in Europa einzustehen. Die grosse Herzlichkeit, die Gastfreundschaft und der Gestaltungswille beeindruckten mich ausserordentlich. Seit einigen Jahren gewinnt in der Lehrerbildung die Frage an Bedeutung, welche professionsspezifischen Kompetenzen in besonderer Weise durch internationale Mobilität erworben werden können. Es zeigt sich nicht nur, dass die Notwendigkeit zur internationalen Verständigung in den Schulen selbst immer offensichtlicher wird, sondern dass Menschen von klein auf positive Erfahrungen solcher Verständigung machen müssen, damit sie sich weder Vorurteilen hingeben noch der medialen Stimmungsmache aufsitzen. Die Tage in Nowgorod haben mich in der Absicht bestärkt, internationale Begegnungen mit fachlichen Schwerpunkten auch ausserhalb der gängigen Programme für Studierende der Pädagogik anzubieten. Die ersten Gespräche mit den Kollegen in Nowgorod verliefen ermutigend. Es wäre ein grosser Gewinn, wenn darüber hinaus eine Freundschaft zwischen der Universität Weljiki-Nowgorod namens Jaroslaw der Weise und unserer Pädagogischen Hochschule der Nordwestschweiz entsteht, von der Studierende beider Hochschulen profitieren können.

Prof. Dr. Elke Hildebrandt: Tief berührt bin ich heimgefahren nach der Tagung zur Friedenspädagogik am Montag, 8. Juni, und dem Friedensforum von Dienstag bis Donnerstag, 9. – 11. Juni 2015. Weshalb?
–    Engagierte Menschen an der Universität Welikij Nowgorod und weitere haben diese beiden Anlässe hervorragend geplant und organisiert. DANKE!
–    Die Gastfreundschaft und Fröhlichkeit unserer russischen Gastgeberinnen und Gastgeber war trotz einer politisch angespannten Lage herzlich und zeigte, dass Menschen jenseits der grossen Politik fähig sind zu Freundschaft und Vertrauen. Reich wurden wir beschenkt mit Musik und anderen kulturellen und kulinarischen Besonderheiten und vor allem anregende Gespräche.
–    Partnerschaften auf verschiedenen Ebenen: zwischen den Städten Bielefeld und Nowgorod, zwischen beruflichen Schulen, zwischen Universitäten, zwischen Theatern, einfach zwischen Menschen. Genau das brauchen wir für eine Zukunft in Frieden.
–    Wie schön, dass für solche Partnerschaften neue Ideen und Motivationen entstanden sind!
–    Gemeinsames Erinnern an Zeiten, welche unsere Eltern und Grosseltern erlebt haben und für die wir nicht verantwortlich sind, die aber dennoch bis heute Ängste hervorbringen, gibt jeweils neu zu denken.
–    So war z.B. Irinas Geschichte (s.u. den Beitrag vom 9.6.) von grosser Bedeutung, weil sie gezeigt hat, dass Menschen TROTZ der grossen Politik und ihrer schrecklichen Folgen einander zeigen können, dass sie ein anderes Leben wollen und dies auch leben.
–    Die Geschichte hat mich daran erinnert, dass britische, deutsche und französische Soldaten Weihnachten 2014 aus ihren Schützengräben herausgekommen sind und gemeinsam das Christfest gefeiert haben – gegen alle bestehenden Befehle. Aber selbst in dieser in einem Weltkrieg einmaligen Situation blieb genug an Härte: Kälte, Dreck, Läuse usw. DAS kann doch keiner wollen, und die Soldaten damals haben gezeigt, dass sie das eigentlich nicht wollen; sie mussten aber weiterkämpfen. Es bleibt die Frage, weshalb sich die kleinen Leute nicht durchsetzen können, obwohl sie klar die Mehrheit bilden.
Ich frage mich aber auch: Was können wir tun, damit es erst gar nicht so weit kommt? Und: Warum bleiben so viele in ihrer Bequemlichkeit stehen statt sich für Frieden zu engagieren? Weshalb gehorchen Menschen eher furchtbaren und mörderischen Befehlen, wenn es zu ernsthaften Konflikten zwischen Staaten kommt, statt sich in einer Zeit des Nicht-Krieges für eine friedlichere Zukunft einzusetzen?
In den im Rahmen des Friedensforums vereinbarten Aktivitäten sehe ich genau das, was es vermehrt braucht, möglichst gemeinsam mit Menschen aus der Ukraine und weiteren Ländern.
Zudem mache ich gern aufmerksam auf eine allerdings sehr langsam beginnende Bewegung http://www.mondaypeacetime.org. Hier geht es um eine Art regelmässigen Flashmob rund um den Erdball, bei dem Menschen montags um 19 Uhr für 5 Minuten auf verschiedene Weise zeigen können, dass sie für eine friedliche Welt einstehen. Wenn das dort Vorgeschlagene überall auf welche Weise auch immer umgesetzt würde, würde sich IN Menschen etwas verändern und durch das Sichtbare ein politischer Druck entstehen, der nicht so einfach zu ignorieren wäre.

Dr. Felix Winter: Für mich war es auf dieser Reise wichtig zu sehen, dass die Menschen in Russland eigentlich nichts anderes wollen als die Menschen bei uns: In Frieden ihren Dingen nachgehen und ihr Leben gestalten. Ich finde es daher falsch, dass in unseren Medien Russland jetzt derart dämonisiert wird. Nach dem, was unsere Väter und Großväter dort im 2. Weltkrieg angerichtet haben, sehe ich uns verpflichtet, in besonderer Weise für Frieden und Entspannung mit Russland einzutreten. Die Erinnerung an den großen Krieg ist in Russland sehr wach und man fürchtet schlicht, wieder von Westen her angegriffen zu werden. (Ein Geschäftsmann, mit dem ich im Flugzeug sprach, fragte mich ernsthaft, ob ich dächte, dass die USA Russland angreifen könnten, so wie den Irak.) Die Sache sieht offenbar aus russischer Perspektive anders aus. Es ist aus meiner Sicht eine völlig falsche Politik, in dieser Situation jetzt Kontakte abzubrechen, aufzurüsten, neue Eingreiftruppen zusammenzustellen u. ä. m. Es kommt darauf an, mit Russland zu reden und vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen. Auch als Normalbürger kann man dazu beitragen, dass die Brücken nicht gekappt werden und z. B. nach Russland fahren und es kennenlernen.

Dr. Gerlinde Günther-Bömke: Als Teilnehmerin des Forums möchte ich mich noch einmal herzlich bedanken für die hervorragende Organisation seitens der Universität Nowgorod, für den interessanten Austausch mit den russischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und die Gastfreundschaft, die wir genießen durften. Ich hoffe, wir schaffen die weitere Kooperation mit der Universität und mit Personen des öffentlichen Lebens, und ich werde mich gerne für eine Gegeneinladung nach Bielefeld (oder Hildesheim?) einsetzen. Die Verständigung zwischen unseren Ländern und den Menschen ist oberstes Ziel – und wir haben bereits Brücken gebaut!

Dr. Horst Rühaak: Jetzt sind wir wieder zurück aus Nowgorod und St. Petersburg. Für mich war das Friedensforum ein voller Erfolg. Wir wurden wärmstens empfangen, hervorragend bewirtet und betreut. Durch Vorträge, in Arbeitsgruppen, in vielen Gesprächsrunden konnten meine Fragen einer Antwort näher gebracht werden, konnte ich meine Sicht der Gegebenheiten einbringen und bestätigt sehen (s. Beitrag 8.6.)

Hier noch ein Bericht des Friedenspädagogen Bernhard Nolz in der Zeitschrift PM

Bericht Nolz PM

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